Zwei Welten, eine Regierung

Wer noch nie in Bolivien war, denkt wahrscheinlich, dass das Land hoch in den Anden liegt. Das ist aber nicht ganz richtig. Sonst würde ich mich gerade nicht etwas matschig fühlen, leicht schwindelig, obwohl ich heute doch nur von einer bolivianischen Stadt in die andere gereist bin.

Sucre, Hauptstadt BoliviensAber während Boliviens Hauptstadt Sucre ja wirklich in den Bergen liegt (auf ungefähr 2800 Metern Höhe), war meine bisherige Station Santa Cruz de la Sierra ungefähr so bergig wie das Münsterland. Der große Höhenunterschied, der mir gerade etwas zu schaffen macht, und der Temperaturunterschied von fast 20 Grad sind aber nicht die einzigen Unterschiede zwischen Sucre und Santa Cruz, zwischen Hoch- und Tiefland.

Santa Cruz, eine halbe Flugstunde von Sucre gelegen, wirkt wesentlich westlicher, hat mit der Kultur im Hochland wenig am Hut und verfügt im Gegensatz zu vielen anderen bolivianischen Städten über eine brummende Industrie, die viele Menschen aus dem Hochland anlockt.
Santa Cruz de la Sierra, im Tiefland von Bolivien
Als ich 2005 den ersten Wahlkampf von Evo Morales mitbekommen habe, hatte ich außerdem den Eindruck, dass es noch einen entscheidenden Unterschied gab: Das Hochland war ganz klar Evo-Land, während der damalige Präsidentschaftskandidat in der Region um Santa Cruz herum überwiegend abgelehnt wurde.

Eine Wahl ohne Spannung
Bei meinem kurzen Besuch in Santa Cruz habe ich nun aber den Eindruck gewonnen, dass Morales’ Partei MAS auch dort Fuß gefasst hat. Ich finde das deswegen erstaunlich, weil die sonst überall schwachen Oppositionsparteien wenigstens in Santa Cruz etwas stärker waren. Das scheint sich aber geändert zu haben – und es ist nicht zu erwarten, dass Evo Morales in fast genau einer Woche (am 12. Oktober) die bolivianische Präsidentschaftswahl nicht haushoch gewinnt.

Das liegt nicht nur an den sich gegenseitig zerfleischenden Oppositionsparteien, die wirklich überhaupt keine Rolle spielen. Es liegt auch daran, dass sich die bolivianische Regierung enorm verändert hat: Sie ist relativ flexibel und noch populistischer geworden, sucht zum Beispiel inzwischen den Dialog mit Unternehmern und fährt nicht mehr den strikten Nationalisierungs-Anti-Kapitalismus-Kurs.


Die Sache mit dem Lithium und den Ausländern

Andererseits spielt der bolivianische Nationalstolz aber in der Politik weiterhin eine große Rolle. Und deswegen können die Privatunternehmer auch nicht sicher sein, nicht irgendwann doch enteignet zu werden und ihre Firmen an den Staat zu verlieren. Auch wenn es schon verständlich ist, als Staat möglichst selbstbestimmt zu handeln: Das alles führt dazu, dass sich internationale Firmen in Bolivien mit größeren Investitionen zurückhalten.

Am Lithium-Abbau hatten dagegen in den letzten Jahren sehr viele verschiedene Firmen Interesse, wurden aber von der bolivianischen Regierung aus bereits beschriebenen Gründen zurückgewiesen. Deswegen sind nun keine ausländischen Firmen am Projekt beteiligt. Könnte man meinen. Stimmt aber nicht. Gerade die chinesischen Experten scheinen eine große Rolle zu spielen – was erneut die (vermutlich gewollt) widersprüchliche Politik der Regierung zeigt.

Nächste Station: Uyuni
Das war schon wieder ein eher grundsätzlicher Text. Der nächste wird praktischer. Versprochen. Morgen (am 03. Oktober) reise ich nämlich nach Uyuni, also ganz in die Nähe vom Salzsee. Dort werde ich erste Kontakte knüpfen und dann vermutlich nach La Paz weiterreisen, um bei einem staatlichen Unternehmen darum zu bitten, die Lithium-Pilotanlagen besichtigen zu dürfen. Genau das habe ich zwar schon von Deutschland aus getan. Aber so ist das nun mal in diesem Bolivien, da gibt es dann wirklich keinen Unterschied zwischen Hoch- oder Tiefland: Die Bürokratie ist hier auf sehr verlässliche Weise unzuverlässig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.